Moers-Kapellen, Dezember 2011
„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“
(2. Korinther 12,9; Jahreslosung für das Jahr 2012)Da ist kein goldener Thron, kein Palast. Vergeblich würde man hier nach einem Lakaien klingeln. Es gibt auch keine Leibgarde, keine schwer bewaffneten Soldaten, nirgendwo. Auch keine Schatzkammer, keine goldenen Teller oder Löffel. Es gibt nur diesen Stall, zugig und kalt. Diese Krippe: ein bisschen Stroh, ein Tuch. Das muss reichen, mehr ist nicht da. Da ist das Kind: Ein Neugeborenes, hier im Stall zur Welt gekommen. Mitten in dieser erbarmungswürdigen Armut liegt es da: Ganz winzig und hilflos, schwach und so unendlich zerbrechlich.
Das ist der wahre König! Das ist der, dem alles untertan ist, die Welt, das Universum, das ganze Leben. Alles gehört ihm. Für uns ist eigentlich unbegreiflich, wie das zusammengehören kann. Macht und Ohnmacht, Schwäche und Stärke, das sind in unserer Welt unvereinbare Gegensätze. Du gewinnst oder du verlierst. Du bestimmst oder du wirst bestimmt. Du bist einer von den Wichtigen oder bedeutungslos. Leistungstragende Elite oder Verlierer. Wie kann das zusammengehören? Wie kann das Kind so schwach und zerbrechlich sein und doch zugleich so mächtig? Was nach den Erfahrungen unserer Welt nicht möglich ist, in diesem Kind wird es möglich. Denn es ist Gott selbst, der uns in diesem Kind begegnet. Er stellt neue Regeln auf: So wie das Kind in der Krippe, in all seiner offensichtlichen Zerbrechlichkeit, eben doch der mächtige Heiland der Welt ist, so ist Gottes Kraft bei allen, die auch das Gefühl haben, an der Welt zu zerbrechen. Zu klein, zu schwach, zu hilflos zu sein für die Last, die ihnen das Leben auferlegt. „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ So sagt es Jesus in den Worten der Jahreslosung. „Wo deine Kraft nicht ausreicht, bin ich für dich stark. Wo du dich verloren fühlst, habe ich dich schon längst gefunden.“
Für den Apostel Paulus, in dessen Brief an die Gemeinde in Korinth wir dieses Wort der Jahreslosung finden, ist das mehr als ein frommer Satz. Er hat dies genau so erlebt: Er ist verfolgt worden, wurde geschlagen und ins Gefängnis geworfen, weil er von Gott erzählt hat. Und er konnte sich nicht wehren. Seine eigenen Leute haben über ihn gelacht, ihn schlechtgemacht: Langweilig sei er und ein schlechter Prediger, ohne Geist. Und er konnte sie nicht überzeugen. Er war krank, hat unter seiner Krankheit gelitten. Und er konnte keine Heilung finden. Und doch hat er erlebt, wie durch ihn, diesen schwachen, verspotteten, kranken Mann, die Botschaft von Jesus in der ganzen Welt bekannt wurde. Hat erlebt, wie er immer wieder Kraft bekam, weiterzumachen: zu lehren, zu predigen, zu trösten.
Und auch heute noch erleben Menschen diese Zuwendung Gottes. Etwa die Frau, die erzählt: „Als ich gelernt habe, meine Krankheit zu akzeptieren, anzunehmen, dass sie da ist und nicht wieder geht, in diesem Moment, als ich mich nicht mehr auf mich selbst, sondern nur noch auf Gott verlassen habe, in diesem Moment bin ich stark geworden und konnte mein Leben neu angehen.“ Oder wie der Mann, der im Hospiz seine Familie um sich versammelt. Er weiß, es geht auf das Sterben zu. Aber er verzweifelt nicht, sondern vertraut. Und er findet so kurz vor seinem Tod noch die Kraft, seine Familie in diesem Abschied zu trösten und ihnen Mut zu machen. Kraft und Schwäche. Ohnmacht und Stärke. Nach den Regeln unserer Welt scheinen das unvereinbare Gegensätze zu sein. Bei Gott nicht. Seit Gott ein kleines, zerbrechliches Kind wurde, in Armut geboren, seitdem ist er selbst mit seiner Kraft bei jedem, für den diese Welt zu schwer wird. Seitdem kann man es erfahren: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“
Ihr Thomas Schrödter, Pfarrer