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Auf ein Wort

Moers-Kapellen, Dezember 2007

Liebe Gemeinde,

Vitaminpräparate, Schutzimpfungen, Aufbauspritzen und Kurzaufenthalte in Wellness-Oasen haben Hochkonjunktur. Wir sollen wieder zu Kräften kommen, weil uns diese offensichtlich abhanden gekommen sind, weil so Vieles kräftezehrend ist. Und die Werbung ist auch nicht verlegen, die Gründe für unseren Kräfteschwund aufzuzählen. Da sind zum ersten Millionen Bakterien und Viren, die darauf warten, sich an unserem Körper gütlich zu tun. Wir nennen das dann Erkrankung oder Infekt. Die zweite beliebte Ursache für den Kräfteschwund ist der Stress: Auf gut Deutsch bedeutet das so viel wie Spannung, Anspannung. Es ist die Anspannung, die wir passiv erleben, weil anderes uns unter Anspannung setzt. Das sind Erwartungen, die in uns gesetzt werden, Forderungen, Leistungen, die von uns gefordert werden, bisweilen ist es auch das, was wir selbst von uns verlangen.
Und irgendwann ist die Anspannung so groß, dass wir völlig erschöpft sind.

Manch einem können vor allem Enttäuchungen und Misserfolge die Kraft und die Lebensenergie rauben, wenn alles vergeblich war und nichts einem glückt, wenn jeder Schwung verloren gegangen ist, wenn ich das Gefühl bekomme, es geht einfach nicht mehr weiter, wenn jegliche Perspektive verloren gegangen ist.

Genau solche Menschen hat der Prophet Jesaja vor Augen, Menschen, die sich aufgegeben haben oder die ihren Glauben aufgegeben haben. Andere diktieren das Geschehen, sie selbst sind an den Rand gedrängt und als Verlierer abgestempelt. Menschen mit diesen Erfahrungen weist der Prophet auf Gott. Wo alles vergeblich scheint, kann uns nur Gott zu neuer Kraft verhelfen. Und das betrifft ja nicht etwa nur das biblische Zeitalter. Ein Erlebnis der letzten Tage ist mir vor Augen. Anfang

November waren wir zu einem Kurzbesuch in Dresden und natürlich haben wir auch die Frauenkirche besucht. Über 75 % der Dresdener sind ohne Konfession. Und dennoch war die Frauenkirche zum Mittagsgebet an jedem Tag mit über 1000 Menschen voll besetzt, schon lange vorher stand man in langen Schlangen an. Das waren bestimmt Touristen, mag man einwenden. Das mag zum großen Teil zutreffen. Aber was zieht sie dahin? Nur ein Stück Kulturgeschichte? Oder ist es nicht eher so, dass Menschen mit eigenen Augen sehen wollen, wie das, was völlig zerstört über Jahrzehnte danieder und in Trümmern lag, nun buchstäblich in neuem Glanz erstrahlt? Dass sie in dieser Kirche, einem Haus für Gottesdienst, ein Hoffnungszeichen sehen? Ist es nicht so, dass Menschen hier einen Ort des Friedens, der Hoffnung und der Versöhnung suchen? Diese Sehnsucht war unverkennbar, ein Interesse an dem, was uns aufrichtet. Da war die Hoffnung: Hier bekomme ich etwas, was meine Seele stärkt und mir Mut gibt.

So spricht der Prophet Jesaja heute noch Menschen an: Die auf Gott harren, kriegen neue Kraft, die auf Gott warten, die auf Gottes Hilfe und Zuwendung warten und hoffen. Darum geht es doch gerade im Advent: um das Warten und Hoffen. Harren heißt aber nicht, alles laufen und geschehen lassen. Harren heißt aktiv warten, etwas wagen, nämlich Vertrauen und gegen allen Anschein vertrauen auf Zeichen, die Gott in unsere Welt setzt, vertrauen auf die Botschaft der Liebe, auf die Gegenwart von Gottes gutem Geist, der uns beflügelt, so dass alle Mutlosigkeit und Resignation von uns abfällt. Die jetzt beginnende Adventszeit erinnert uns daran, dass Gott uns nicht vergeblich harren und warten lässt, weil Gott selbst zu uns kommt.

Mit adventlichem Gruß, Ihr Pfarrer
Kurt Heyser